Zwischen Fieberwahn, Schreibblockaden und kosmischen Einflüsterungen: Mein ungeschminkter Schreiballtag
Rotwein und Kaminfeuer sucht ihr hier vergeblich. Dafür: zwei Hochphasen, ein totes Tal, vier Bücher mit komplett unterschiedlichen Entstehungsgeschichten – und die Antwort auf die Frage, warum ich manchmal wie ein Verrückter nach meinem Handy grabsche, wenn kein Zettel zur Hand ist.
Die Muse, heißt es, flüstert exklusiv und mit Vorliebe in kontemplativer Stille – Kerzenschein, ein Glas Rotwein, das Kaminfeuer knistert dezent im Hintergrund. Bei mir wäre das durchaus auch die Idealvorstellung. Nur hält sich mein Kopf selten an den Terminkalender: Er flüstert, wann und wo es ihm passt – am liebsten mitten in der Münchner S-Bahn, mein Handy-Akku bei vier Prozent, während ich wie im Fieber versuche, einen Satz einzufangen, bevor er sich wieder verabschiedet. Kontemplative Stille bleibt der Wunsch. Der Alltag hat andere Pläne.
Mein Tagesrhythmus: Zwei Hochs, ein Loch
Frühaufsteher, kein Nachtmensch – auch wenn gleich noch ein Aber kommt. Am liebsten Frühling/Sommer, erster Kaffee, Laptop auf den Knien: Der Kopf ist morgens messerscharf, noch nicht vom Tag zugemüllt, und alles, was nachts im Unterbewusstsein rumorte, lässt sich vergleichsweise einfach in die Tastatur tippen. Auch das Schleifen vom Vortagestext klappt morgens am besten – Wörter, die mir abends partout nicht einfallen wollten, liegen plötzlich griffbereit da. Mittags, nachmittags: tote Zone. Lärm, Verdauungskoma, Termine, wer weiß. Und dann, ab 21 Uhr, wenn Familie und Alltag durch sind, die zweite Schicht: die Nacht. Zwei Hochphasen, ein totes Tal dazwischen – willkommen in meinem Biorhythmus. Und du? Lerche oder Eule – oder wie ich, beides mit Ansage?
Der Ort ist wurscht, der Flow ist alles
Alm, Hotellobby, Hotelbett (überraschend oft), Münchner S-Bahn, Freibad, DB-Züge, Parkbänke – ich habe das Notwendige mit dem Angenehmen verbunden, wo immer es ging. Die Erkenntnis nach vier Büchern und einer Übersetzung: Der Ort ist fast egal. Entscheidend ist Stimmung und Flow. Wer weiß, dass er in 20 Minuten von der Parkbank weiterziehen muss, schreibt keine Zeile – wer im Flow ist, schreibt in der S-Bahn genauso gut wie am eigenen Schreibtisch. Überarbeiten dagegen geht fast überall, solange der Kopf frei ist. Wo schreibt oder liest es sich bei dir am besten – oder anders gefragt: Wo hast du es schon vergeblich versucht?
Fieberwahn, Blockade, Masterplan – jedes Buch tickt anders
Schafskälte, der Debütroman: 4 Monate wie im Fieberwahn, chronologisch runtergeschrieben, weil ich die Geschichte im Kopf halbwegs fertig hatte – nur Kapitel 5 hob ich mir bis zuletzt auf, aus purer Angst, dass ich eine Entführung szenisch nicht hinbekäme. Am Ende war ich vom Ergebnis ganz angetan.
Tokpela, Teil II: 9 Monate, ausgelöst von einem einzigen Bild vor meinem inneren Auge – die letzte Skiabfahrt in den Alpen im Jahre 2051 aufgrund des Klimawandels – eine Vision, die tatsächlich an einem uralten, verlassen wirkenden Skilifthäuschen abseits der Piste kam und mit der der Roman auf der Erde beginnen und auf dem Mars enden sollte. Im letzten Drittel dann 2–3 Wochen Schreibblockade, weil mir der rote Faden fehlte: enthusiastisch anfangen ist leicht, den Bogen bis zum Ende halten die eigentliche Kunst. Wie so Vieles ist Schreiben meistens Kopfsache. Wenn man gedanklich-immersiv in eine Szene eintauchen kann, ist es immer ein Glückstreffer!
Apropos Kopf ... An einer wahrhaft schmerzlichen Tokpela-Szene habe ich sogar mit den schlimmsten Zahnschmerzen meines Lebens geschrieben – mit 800er Ibu und Paracetamol im Wechsel. Ergebnis: sehr authentisch! Heute kann ich darüber lachen. Damals ... ohweh!
Nepenthes, Abschlussband der Ansgar-Chroniken: wieder 9 Monate, diesmal vorweg mit einem A3-Blatt, vollgekritzelt mit Handlungssträngen und Figuren – mein Masterplan. Trotzdem entstanden viele Szenen nicht chronologisch, sondern wurden nach Fertigstellung in die richtige Reihenfolge einsortiert.
Beim aktuellen Buch, Arbeitstitel schlicht "V" – komplett neue Welt – führe ich zum ersten Mal eine Konsistenzliste – jeder Begriff, jede Zeitangabe, jeder Charakter wird fortlaufend mitgeführt, sonst entstehen Inkonsistenzen, die Leser schneller merken, als einem lieb ist.
Und dann sind da die Momente, die ich kosmologische Einflüsterungen nenne: ein Dialogfragment, drei, vier Sätze Pingpong, plötzlich einfach da – meist im denkbar unpassendsten Moment. Wenn dann nicht sofort Zettel, Handy oder Laptop zur Hand ist, droht es schnell zu verblassen, Wiederkehr ausgeschlossen: Mein Gehirn ist löchrig. Fünf Minuten später ist die Grundidee noch da, der genaue Wortlaut nicht mehr. Zettel, egal welches Format und wie vollgekritzelt, sind dann meist mein letzter Rettungsanker.
Am Ende ist es simpel: Ich schreibe, wenn der Kopf mitspielt – morgens auf der Terrasse, abends in der Hotellobby, nachts unter Sternenhimmel. Einen Masterplan für das große Ganze gibt es mal mehr, mal weniger. Aber die Einflüsterungen? Die kommen sowieso, wann sie wollen und stellen so manches mal alles auf den Kopf. Man muss nur schnell genug sein, sie einzufangen. Und richtig umzusetzen.
Apropos Schreiben. Wie geht es denn mit dem neuen Buchprojekt, Arbeitstitel "V", voran? In der nächsten Ausgabe pirschen wir uns an den neuen Roman heran. Schleichend, aus der Deckung, komplett getarnt, mit Nachtsichtgerät, damit der Autor nicht spitz bekommt, dass wir schon ein paar Dinge enthüllen, die er selbst nie verraten würde ... wir fühlen also mal, wie hoch der V-Puls schlägt.
Der Wahnsinn schreibt immer mit. Abonniere, bevor er ohne dich weiterschreibt.