Die Wissenschaft hat meinen neuen Roman schon kassiert, bevor ich ihn überhaupt fertig habe

Die Wissenschaft hat meinen neuen Roman schon kassiert, bevor ich ihn überhaupt fertig habe
Szene aus "V": "Hirnfarm" aus gezüchteten Organoiden, KI-generiert

Ich habe mir für meinen neuen Roman ausgedacht, dass ein Häufchen Nervenzellen in einer Petrischale so ihr Ding macht. Zum Dank hat die echte Forschung nachgezogen – und jetzt weiß ich nicht mehr, wer hier eigentlich Science-Fiction schreibt.


Ich habe letzte Woche versucht, mir ein Stück menschliches Gehirn zu mieten. Für 300 Dollar die Woche. Günstiger als eine Nintendo Switch 2, falls euch das als Vergleich hilft. Nein, ich war nicht auf einer sehr fragwürdigen Website unterwegs – ich war auf der Seite eines Biotech-Unternehmens aus Melbourne, das genau das ganz offiziell anbietet: echte, lebende Nervenzellen, die für dich rechnen. Willkommen im Jahr 2026.

Was ich meine, ist CL1 von Cortical Labs: ein Klumpen aus rund 800.000 im Labor gezüchteten menschlichen Nervenzellen, verheiratet mit Siliziumhardware, der über ein stinknormales Python-SDK Code ausführt. Man loggt sich ein wie bei jedem x-beliebigen Cloud-Anbieter – nur dass am anderen Ende kein Rechenzentrum brummt, sondern etwas mit Nährlösung in einem Bioreaktor am Leben gehalten wird. Der Vorläufer hieß DishBrain und hat gelernt, Pong zu spielen. Die nächste Generation vermietet man jetzt wochenweise, wahlweise kauft man sie gleich für 35.000 Dollar und stellt sie sich, sagen wir, neben die Kaffeemaschine. Und weil die Konkurrenz nicht schläft: Auch die Schweizer Firma FinalSpark betreibt inzwischen eine "Neuroplatform", auf der Forscher weltweit remote mit echten menschlichen Neuronen arbeiten können. Wetware Computing nennt sich das offiziell. Ich nenne es: den Stoff, aus dem meine schlaflosen Nächte gemacht sind.

Man spricht bei einer Festplatte normalerweise nicht von ihrem Wohlbefinden. Bei CL1 irgendwie doch – Cortical Labs überwacht permanent die "neurale Gesundheit" der Kultur, spricht von einem "always-on network of living neurons". Das klingt nach IT-Wartung, ist aber im Kern Lebenserhaltung für etwas, das lebendig ist und lernt. Niemand bei denen will so genau sagen, ab wann diese lebenserhaltenden Maßnahmen mehr wären als guter Kundenservice. Und ehrlich – hättet ihr vor fünf Jahren gedacht, dass "Rechenleistung aus lebenden Gehirnzellen mieten" mal eine echte Produktkategorie wird und keine Verschwörungstheorie aus einem schlechten Podcast? Wo zieht ihr für euch persönlich die Grenze, ab der aus einem Werkzeug ein Jemand mit eigenen Interessen wird?

Ich sitze gerade an meinem neuen Roman – Arbeitstitel V – und wollte mir eigentlich genug Sicherheitsabstand zur Gegenwart erschreiben. Zukunft genug, dass mir niemand mit echten Studien reinreden kann. Tja. Und dann stolpert man beim Recherchieren über CL1 und Konsorten und merkt: der Sicherheitsabstand schmilzt wie ein Eiswürfel im September.

Und ja, bevor ihr fragt: Auch in V spielen Organoide eine Rolle. Nicht die Hauptrolle – ganz ehrlich, ich hatte herzlich wenig Lust, einem Zellhaufen aus dem Brutschrank die Hauptfigur eines ganzen Romans zu überlassen, das wäre selbst mir too much gewesen. Aber ignorieren? Unmöglich. Das Zeug drängt sich einem auf wie ein ungebetener, aber ziemlich faszinierender Partygast, der plötzlich die interessantesten Geschichten erzählt. Mehr verrate ich an dieser Stelle nicht – nur so viel: Wer glaubt, ich hätte mir das mit dem Mieten von Nervenzellen frei aus der Luft gegriffen, dem sei gesagt: die Realität war schneller.

Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieser Woche: Ich wollte Zukunft schreiben. Die Gegenwart liefert sie mir frei Haus, unaufgefordert und meistens schneller, als mir lieb ist.

Apropos Zukunft: Im nächsten Beitrag will ich ehrlich mit euch sein und ein echtes Update zu V liefern. Wie weit bin ich wirklich? Gibt es diesen Herbst oder Winter frischen Lesestoff für euch – vielleicht sogar handsigniert, am 14. November auf der 1. Münchner Buchmesse im MTC München? Eine hundertprozentige Zusage kann ich euch heute noch nicht geben. Aber eine ehrliche Einschätzung, wo ich gerade stehe – die verspreche ich euch.

Wer jetzt schon wissen will, ob dieser Herbst ein neues Buch von mir bereithält: abonniert den Blog. Kein biologischer Computer, kein Organoid – aber garantiert verlässlicher als jede Kristallkugel.


Quellen zu den erwähnten Fakten: TechRadar, Cortical Labs – Cloud, BioSpace zu FinalSpark