Von haarig bis glitschig: tierische Protagonisten in der Sci-Fi
Sprechende Tiere sind einfach. Wirklich fremdes Denken ist es nicht. Ein Ausflug zu den haarigsten, glitschigsten und unerklärlichsten Wesen der Sci-Fi-Geschichte – und eine vorsichtige Andeutung, was in meinem neuen Buch krabbelt, fliegt oder wurzelt.
Mein Kater meckert, wenn ihm etwas nicht passt. Er holt sich Kuscheleinheiten ab, wenn ihm danach ist, und zeigt mir die kalte Schulter, sobald draußen ein Vogel interessanter ist. Er eskortiert mich mit taktischer Beinumklammerung dahin, wo er mich haben will – meistens zum Futterschrank. Und alle paar Wochen versucht er erneut, mich zur Jagd ins Feld zu überreden, bevor er resigniert einsieht: Der Mensch kapiert es einfach nicht.
Elf Jahre wohnt er nun mit uns zusammen. Ich kenne seine Launen, seine Tricks, seine roten Linien. Aber weiß ich, wie er denkt? Keine Ahnung. Und genau da fängt das eigentliche Problem an – nicht nur für Katzenbesitzer, sondern für jeden, der einmal versucht hat, ein Tier zur Hauptfigur zu machen.
Vielleicht kennst du das Gefühl. Du glaubst, dein Haustier zu verstehen – und merkst dann, wie dünn dieses Verständnis eigentlich ist. Genau vor diesem Problem steht jeder Autor, der ein Tier (oder etwas noch Fremderes) zur handelnden Figur macht. Wie denkt ein Wesen, das keine Sprache hat? Fühlt es überhaupt etwas, das wir „Gefühl" nennen würden? Und aus welcher Perspektive erzählt man das, ohne entweder zu vermenschlichen oder in unlesbarem Kauderwelsch zu enden?
Fangen wir mit dem hoffnungsvollsten Fall an: Arrival von Denis Villeneuve. Die Heptapoden schaffen es tatsächlich, sich mit uns zu verständigen – über eine Schriftsprache, die keine Zeit kennt, wie wir sie kennen. Charmant dabei ist die alte Idee dahinter, die Sapir-Whorf-Hypothese: Die Sprache, die wir sprechen, soll unser Denken formen. Wer eine zeitlose Sprache lernt, lernt angeblich, die Zeit selbst anders zu erleben. Klingt bestechend – ist aber unter Linguisten ziemlich umstritten. Trotzdem: Als erzählerisches Prinzip funktioniert es hervorragend. Was, wenn eine fremde Sprache dein Gehirn tatsächlich umbaut?
Ganz anders die Bioten aus Rama von Arthur C. Clarke: zweckgebunden, funktional, nie wirklich „verstanden" – Wesen, die eher Werkzeug als Persönlichkeit sind. Interessant als Kontrastfolie, aber schnell erzählt.
Richtig unbequem wird's bei Orson Scott Cards Alien-Völkern. Ob Buggers oder Piggies – das eigentliche Thema ist nicht die Fremdartigkeit selbst, sondern unser Umgang damit. Was wir nicht verstehen, beargwöhnen wir. Was wir beargwöhnen, wollen wir am liebsten auslöschen, bevor es uns gefährlich wird. Card seziert damit weniger die Aliens als uns selbst – eine ziemlich unbequeme Wahrheit, verpackt in Science-Fiction.
Fast schon rührend dagegen: Vernor Vinges Skroderiders. Pflanzenwesen ohne Kurzzeitgedächtnis, die auf rollende Blumentöpfe angewiesen sind, um sich überhaupt zu erinnern, wer sie gerade sind. Sollte tragisch sein – wirkt aber vor allem liebenswert-schrullig. Man möchte ihnen ein Gedächtnis schenken und einen Kaffee dazu.
Und dann Lem. In „Fiasko" bleibt die Verständigung bis zum bitteren Ende aus. Keine Annäherung, kein Aha-Moment, kein gegenseitiges Verstehen – nur zwei Intelligenzen, die aneinander vorbeidenken, bis es zu spät ist. Kein Trost, keine Pointe. Nur die nüchterne Erkenntnis: Manchmal reicht guter Wille einfach nicht.
Deprimierend, zugegeben. Aber vielleicht auch beruhigend: Wenn selbst Lem daran gescheitert ist, muss ich mir wegen meines eigenen Versuchs wenigstens keine allzu großen Illusionen machen.
Denn ja – auch ich hab mich in dieses Minenfeld gewagt. Mein neuer Roman hat einen tierischen Protagonisten. Mehr verrate ich noch nicht, nur so viel: Es ist kein Kater, der mich morgens zum Futterschrank eskortiert. Es ist viel fremder. Etwas, das mich zwang, mir genau die Fragen zu stellen, die wir gerade durchgegangen sind – und bei dem ich selbst nicht immer wusste, ob ich vermenschliche, übertreibe oder tatsächlich etwas Wahres treffe.
Wie bin ich vorgegangen? Erstmal ganz unglamourös: recherchiert, bis mir die Augen tränten. Videos angeschaut, bis der Algorithmus dachte, ich hätte einen Zweitberuf als Zoologe. Artikel gewälzt, Verhaltensmuster studiert – wie reagiert diese Spezies auf Menschen, was treibt sie an jenseits von Fressen und Fortpflanzen, wie tickt sie in Extremsituationen.
Der nächste Schritt war schwieriger: eine eigene Erzählperspektive entwickeln, die tatsächlich aus der Physiognomie und Wahrnehmung des Tiers heraus funktioniert. Ein Vogel erlebt die Welt anders als ein Fisch – nicht nur wegen des Mediums, sondern auch wegen der Zeit. Was für eine Libelle eine Ewigkeit ist, ist für eine Schildkröte ein Wimpernschlag. Diese Wahrnehmungslogik musste ich mir aneignen, bevor ich auch nur einen Satz schreiben konnte.
Dann die Preisfrage: Wie schlau ist mein Protagonist eigentlich? Wir wissen heute, dass sich Elefanten, Affen, Delfine oder Keas selbst erkennen und reflektieren können – die Forschung traut Tieren zunehmend mehr geistige Tiefe zu, als wir lange dachten. Für einen Roman macht das einen gewaltigen Unterschied: Einem Bakterium Gedankengänge in den Mund zu legen, wirkt schräg. Wobei – wenn ich's mir recht überlege, hätte auch das seinen ganz eigenen Charme.
Und dann die eigentliche Königsdisziplin: eine eigene Sprache für dieses Denken finden. Wie fremd darf sie klingen, ohne dass der Leser aussteigt? Wie nah darf sie an menschlicher Logik bleiben, ohne die Fremdheit zu verraten? Das war mit Abstand die mühsamste Etappe – und ehrlich gesagt bin ich immer noch dabei, daran zu feilen.
Kleiner Fun Fact am Rande, weil ich nebenbei auch KI studiere: Was heute noch nach Science-Fiction klingt, könnte bald Realität werden. Tiefe neuronale Netze sind geradezu prädestiniert dafür, komplexe Tierlaute zu entschlüsseln – vielleicht wissen wir in ein paar Jahren tatsächlich, was uns unsere Haustiere die ganze Zeit sagen wollten.
Und jetzt bist du dran: Was glaubst du, für welche Tierart in meinem neuen Roman habe ich mich entschieden? Tipp: Sie ist auf dem Blogvisual definitiv mit vertreten.
Vielleicht bist du ja selbst nur eine gut gerenderte Nebenfigur in einer Simulation, die gerade diesen Satz liest, weil irgendein kosmischer Autor Wert auf Cliffhanger legt. Ich für meinen Teil hoffe, dass wenigstens der Kaffee neben meiner Tastatur echt ist.
Apropos Simulation: Im nächsten Beitrag geht's tief hinein in die schrägsten Theorien der Quantenmechanik – von Vielwelten bis zur Frage, ob unser gesamtes Universum vielleicht nur ein extrem detailverliebtes Computerspiel ist. Ein schwedischer Philosoph hat dazu eine steile These aufgestellt, die ich dir nicht vorenthalten will. Nur so viel: Danach schaust du deinen Kühlschrank nie wieder gleich an.
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