V wie Verschlusssache – ein Lagebericht von der Schreibfront
270 Seiten geschafft, 130 noch offen, ein Geheimprojekt der US-Regierung im Gepäck und ein Protagonist, der garantiert nicht auf zwei Beinen läuft. Willkommen zum bislang undichtesten Bericht aus meiner Schreibstube – dicht genug, um Appetit zu machen, dicht genug verschlossen, um nichts zu verraten.
Lagebericht, 06:00 Uhr. Zielobjekt: ich selbst, an meinem eigenen Schreibtisch. Ausrüstung: Nachtsichtgerät, Tarnnetz, ein Kaffee, der schon kalt ist. Auftrag: herausfinden, wie hoch der V-Puls gerade schlägt, ohne dass das Zielobjekt merkt, dass es beobachtet wird. Ich schleiche mich also an mich selbst heran – Vorteil dieser Mission: Ich weiß bereits, wo die Leiche liegt. Nachteil: Ich bin derjenige, der sie versteckt hat.
Also, Status: 270 Seiten stehen, rund 130 fehlen noch. Macht in Summe ein Buch von ungefähr 400 Seiten – und ja, ich weiß, dass ich euch mit dieser Zahl gerade unauffällig eine zweite Information zugesteckt habe. So läuft das bei mir: Ich verrate nie etwas direkt, ich lasse es einfach neben der eigentlichen Antwort herumliegen und hoffe, dass ihr aufmerksam genug seid, es aufzuheben.
Worum "V" wirklich geht, verrate ich an dieser Stelle ausdrücklich nicht. Dafür gibt es später etwas Besseres: ein Klappentext-Voting, bei dem ihr aus drei Versionen die auswählen dürft, die tatsächlich auf dem fertigen Buch landen sollte. Ihr entscheidet mit, bevor ihr auch nur eine Zeile gelesen habt – wenn das kein fairer Deal ist.
Was ich euch aber schon jetzt zumuten kann, sind ein paar Krümel, die, wenn man sie zusammenklaubt, fast schon ein Brot ergeben. Erstens: Es gibt Protagonisten, und dieses Mal sind sie tierisch – wobei "tierisch" hier wörtlich gemeint ist, nicht nur als Ausdruck meiner Begeisterung. Aber nicht nur tierisch, keine Sorge, es bleibt kompliziert genug für euch. Zweitens: Zum ersten Mal in einem meiner Romane spielt die Kirche eine Rolle – genauer gesagt das, was von ihr noch übrig ist. Was bedeutet das schon wieder? Übrig wovon, übrig wonach? Genau diese Frage sollt ihr euch stellen. Ich beantworte sie nicht.
Wann das Ganze spielt, verrate ich ausnahmsweise ohne Umschweife, weil es sich sowieso nicht wegdiskutieren lässt: 2089. Nicht 2088, nicht 2090, und schon gar nicht "irgendwann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts". Noch enger: Die Handlung bewegt sich innerhalb eines schmalen Zeitfensters dieses einen Jahres. Warum ich mich derart präzise festlege, obwohl ich sonst so gern im Ungefähren bleibe? Weil dieses Zeitfenster selbst schon eine Spur ist. Wer rechnen mag, darf gerne anfangen.
Für alle, die meine bisherigen Romane kennen und ohnehin schon zwischen den Zeilen mitgelesen haben: Setting und Figuren sind komplett neu, kein vierter Band der Ansgar-Chroniken, kein Recycling. Und natürlich geht wieder Seltsames vor sich – wäre ja auch enttäuschend, wenn nicht. Wer meine Bücher kennt, weiß: Bei mir gibt es keine strahlenden Helden, die mit gezücktem Schwert (oder Laserblaster, oder was auch immer 2089 gerade in Mode ist) durchs Geschehen stolzieren. Bei mir bekommt ihr stille Außenseiter, die keinen blassen Schimmer haben, was für ein strudelnder, alles verschlingender Maelstrom sich auf den folgenden gut 400 Seiten unter ihnen zusammenzieht. Und genau diese Ahnungslosigkeit ist es, die mich beim Schreiben am meisten reizt: Man liest über Figuren, die noch nicht wissen, was der Leser schon längst befürchtet.
Ist das alles frei erfunden? Auch hier bleibe ich mir treu und antworte mit einem entschlossenen Jein. Das Ja: Ja, erfunden, meinem Hirn entsprungen, das notorisch seltsame Gedanken produziert und mir damit auch nachts keine Ruhe lässt. Das Nein: Wie ihr wisst, fußen meine Handlungen gern auf wissenschaftlichen Theorien – mal besser, mal schlechter bestätigt – und ebenso gern auf realen historischen Begebenheiten. Diesmal ist es ein tatsächlich dokumentiertes, geheimes Projekt der US-Regierung aus den 1970er-Jahren, das dem Roman in gewisser Weise den Auftakt liefert. Mehr sage ich dazu nicht – aber ich gebe zu, dass wir mit diesem einen Satz schon eine ziemlich brauchbare Fährte gelegt haben. Wer will, darf jetzt googeln. Ich schaue dabei betont unbeteiligt aus dem Fenster.
Falls ihr das Gefühl habt, den Herbst kaum noch abwarten zu können (was ich hoffe, sonst hätte dieser Beitrag seinen Job nicht gemacht): Ab Herbst gibt es auf Instagram kleine V-Impulse – einzelne, sorgfältig ausgewählte Szenen aus dem Roman, die ich euch einfach hinstelle und wirken lasse, ganz ohne Erklärung. Eindrücke statt Enthüllungen. Auch hier gilt die eiserne Regel dieses Beitrags: Verraten wird nichts, außer ein bisschen Atmosphäre, die sich schon jetzt unter die Haut schleichen darf.
Und jetzt, nach so viel konspirativer Anstrengung: Auch Geheimagenten brauchen mal Urlaub. Ich ziehe mich für ein paar Tage aus der Deckung zurück, lasse Nachtsichtgerät und Tarnnetz in der Ablage liegen und tausche den kalten Kaffee gegen etwas mit Schirmchen. Keine Sorge, das Manuskript kommt mit – es liegt schließlich bereits gut getarnt in meinem Koffer, zwischen Regenjacke und Fernglas, und wartet nur darauf, dass ich zurück bin und die restlichen 130 Seiten in Angriff nehme. Wenn ich wiederkomme, geht die Mission weiter. Bis dahin: Stellung halten. Der Wahnsinn muss ja weitergehen ...