Quantenwahnsinn und andere Irrsinnstheorien
Ist die Realität eine App, ein Traum oder einfach nur schlecht programmiert? Eine Bestandsaufnahme der Theorien, die dir den Boden unter den Füßen wegziehen – Kaffeepause danach empfohlen.
Wer hatte noch nie ein Déjà-vu? Wer hat noch nie mitten im Alltag innegehalten und sich gefragt, ob das eigene Leben nur ein Haufen chaotischer Zufälle ist – oder ob längst alles vorherbestimmt war, bevor wir überhaupt die Wahl hatten? Haben wir freien Willen? Was ist Existenz, was ist Sein? Und hast du dich schon mal gefragt, ob wirklich alles so ist, wie es scheint? Fängt ja schon damit an, dass andere Tiere dieselbe Welt völlig anders wahrnehmen als wir. Wie, hast du nicht? Du Glücklicher. Behalte dir das – damit lebt es sich wesentlich entspannter.
Fangen wir da an, wo die Verwirrung ihren Ursprung hat: der Quantenmechanik.
Da wäre zuerst die Viele-Welten-Interpretation: Jedes Mal, wenn du dich entscheidest – Kaffee oder Tee, links oder rechts, Nachricht abschicken oder doch nicht – spaltet sich das Universum, und irgendwo lebt eine Version von dir, die die andere Wahl getroffen hat. Klingt nach Ausrede für jede Fehlentscheidung? Ist es auch. Irgendwo hast du garantiert nie diesen Blogartikel angefangen.
Weiter geht's mit der Quantenunsterblichkeit, dem hässlichen Zwilling der Viele-Welten-Theorie: Die Idee, dass du in jedem Szenario, in dem du sterben könntest, in mindestens einem Paralleluniversum überlebst – und deine Wahrnehmung sich brav an genau diesen Ast der Realität hält. Für dich fühlt es sich also an, als würdest du niemals sterben. Für alle anderen sieht es aus wie eine ziemlich lange Serie unwahrscheinlicher Beinahe-Unfälle. Trösten wird dich das kaum, aber schaden tut's auch nicht.
Dann die Verschränkung, liebevoll "spukhafte Fernwirkung" getauft – von niemand Geringerem als Einstein, der sie für Unsinn hielt und trotzdem damit unsterblich wurde. Zwei Teilchen, einmal verschränkt, bleiben verbunden, egal wie viele Lichtjahre dazwischenliegen: Ändert sich der Zustand des einen, ändert sich augenblicklich auch der des anderen. Keine Übertragung, kein Signal, keine Verzögerung. Als hätten zwei Zwillinge, die nie miteinander gesprochen haben, trotzdem am selben Tag denselben Pulli angezogen – nur dass es hier tatsächlich Physik ist und keine gruselige Koinzidenz.
Und wo wir bei Beobachtung sind: der Beobachter-Effekt, am besten illustriert durch Wigners Freund. Ein Teilchen existiert in einem unbestimmten Zustand, bis jemand hinschaut – aber was, wenn zwei Leute hinschauen, und für den einen ist die Messung längst erfolgt, während für den anderen draußen vor der Tür noch alles offen ist? Beide haben recht. Gleichzeitig. Wer hier noch glaubt, Realität sei etwas, das einfach so vor sich hin passiert, ohne dass irgendwer zuschaut, hat die Quantenmechanik noch nicht wirklich kennengelernt. Realität ist niemals objektiv, sondern das, was du als Beobachter daraus machst. Können wir sie also nach Belieben beeinflussen?
Zum Abschluss des Quanten-Blocks der Superdeterminismus – die unbequemste aller Theorien, weil sie behauptet, dass selbst deine Entscheidung, diesen Satz zu Ende zu lesen, bereits beim Urknall feststand. Kein Zufall, kein freier Wille, nur eine gigantische, längst geschriebene Kausalkette. Praktischerweise entlastet das ungemein: Wenn eh alles wie auf ein Gleis genagelt ist, kannst du dir das schlechte Gewissen für die dritte Tüte Chips auch sparen.
Kurze Verschnaufpause: Merkst du schon, wie sich hinter deiner Stirn gerade leise ein Rädchen dreht, so als würde jemand mit spitzem Fingernagel sanft über deine Gehirnwindungen kratzen? Genau. Dieses Gefühl bleibt jetzt erstmal.
Jetzt zoomen wir raus – aus dem Teilchen ins ganze Universum.
Die Simulationshypothese von Nick Bostrom kennst du vermutlich schon, spätestens seit den Videos von Elon Musk, der sich bei Veranstaltungen gern mal so umschaut, als müsste er sich kurz vergewissern, in welcher Version eines Computerspiels er gerade wieder gelandet ist: die Überlegung, dass eine hochentwickelte Zivilisation mit ziemlicher Sicherheit irgendwann Simulationen ihrer eigenen Vorfahren laufen lässt – und wenn das stimmt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir längst mittendrin stecken, nur ohne Ladebalken. Kurz nachdenken: Würdest du es überhaupt merken wollen?
Eng verwandt: das holografische Prinzip. Die Idee, dass unser gesamtes dreidimensionales Universum eigentlich nur die Projektion von Informationen ist, die auf einer zweidimensionalen Oberfläche irgendwo am Rand von allem gespeichert sind – so wie ein Hologramm auf einer flachen Karte einen 3D-Effekt erzeugt. Du, ich, dieser Text: im Kern nur clever verteilte Datenpunkte auf einer kosmischen Speicherkarte.
Noch unangenehmer wird's beim Boltzmann-Gehirn: Statistisch gesehen ist es wahrscheinlicher, dass sich per Zufallsfluktuation irgendwo im All spontan ein einzelnes, denkendes Gehirn bildet – komplett mit falschen Erinnerungen an ein ganzes Leben –, als dass ein gesamtes Universum mit Milliarden Jahren Geschichte tatsächlich entstanden ist. Es könnte also sein, dass du genau in dieser Sekunde ins Dasein gepoppt bist, samt der festen Überzeugung, vorher schon existiert zu haben. Willkommen, du frisch gebackenes Gehirn.
Das Blockuniversum bzw. der Eternalismus dreht dann auch noch an der Zeit selbst: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren angeblich alle gleichzeitig, fest eingefroren in einem vierdimensionalen Block – "jetzt" ist nur die Stelle, an der dein Bewusstsein sich gerade befindet, so wie eine Leselampe eine bestimmte Seite in einem Buch beleuchtet, das längst komplett geschrieben ist. Deine Zukunft steht also schon fest. Du liest sie nur gerade zum ersten Mal.
Falls du gerade kurz innegehalten hast, um aus dem Fenster zu schauen und zu prüfen, ob da draußen noch alles so aussieht wie vor fünf Minuten – herzlich willkommen im Club. Es wird jetzt übrigens noch persönlicher.
Jetzt wird's meta – ab in dein eigenes Bewusstsein.
Der Panpsychismus behauptet, Bewusstsein sei keine Erfindung des menschlichen Gehirns, sondern eine Grundeigenschaft der Materie selbst – in irgendeiner winzigen Dosis auch in Steinen, Toastern und Zimmerpflanzen vorhanden. Dein Toaster hat also vielleicht keine Gedanken, aber eine hauchdünne Ahnung davon, dass es ihn gibt.
Der Biozentrismus dreht die Sache komplett um: Nicht das Universum erschafft das Bewusstsein, sondern das Bewusstsein erschafft das Universum – ohne einen Beobachter gäbe es schlicht keine Realität, die beobachtet werden könnte. Bewusstsein zuerst, Kosmos als Nebenprodukt.
Der Solipsismus treibt das auf die Spitze: Nur dein eigenes Bewusstsein existiert nachweisbar, alles und jeder andere könnte reine Projektion sein. Falls du das gerade liest und denkst "klingt einsam" – tja, wenn der Solipsismus stimmt, bist du der Einzige, der das überhaupt denken kann.
Zum Schluss noch zwei, die einfach zu schräg sind, um sie wegzulassen:
Die Dark-Forest- und die Zoo-Hypothese liefern zwei schaurig unterschiedliche Antworten auf das Fermi-Paradox ("Wo sind eigentlich die Aliens?"): Entweder schweigt jede Zivilisation im All aus nackter Überlebensangst vor allen anderen (Dark Forest), oder wir werden längst beobachtet, aber wie ein Naturschutzgebiet bewusst in Ruhe gelassen (Zoo-Hypothese). Beide Antworten erklären, warum es da draußen so verdächtig still ist.
Und der Mandela-Effekt, der Publikumsliebling unter den Fake-Theorien, er musste kurz NEPENTHES herhalten, um die Leser auf eine falsche Fährte zu locken: Wenn sich viele Menschen unabhängig voneinander exakt gleich falsch an etwas erinnern – einen Filmtitel, ein Logo, ein historisches Detail –, muss das doch an Zeitlinien-Sprüngen liegen und nicht einfach daran, dass Erinnerung generell eine ziemliche Diva ist.
Wie du siehst: Die Wissenschaft – oder dieses fragile Konstrukt, das wir großzügig "Realität" nennen – hält ein wahres Füllhorn an Gedankengebäuden bereit, mit denen wir es hier draußen eigentlich zu tun haben. Man kann darüber den Kopf schütteln und sein Leben brav auf dem vorgegebenen Gleis weiterleben – nennen wir es ruhig Railed Cosmos, das vorbestimmte Universum als Nahverkehrslinie ohne Ausstiegsmöglichkeit. Oder man packt sich das eine oder andere dieser Gedankengebäude, webt es in eine Romanfigur ein und lässt sie stellvertretend damit hadern. Vielleicht, um selbst nicht ganz durchzudrehen. Schreiben als Therapie – ich hab's ja schon länger geahnt.
Apropos Gedankengebäude, die man webt, ohne sie wirklich zu kennen: Im nächsten Beitrag geht's noch einen Schritt weiter – hinein in Orte, die man besser nie betritt, aber trotzdem detailliert beschreiben muss. Titel: "Willkommen in der Leichenhalle – Orte beschreiben, ohne sie zu kennen." Weil auch ein Autor manchmal recherchieren muss, wie es riecht, wo eigentlich niemand freiwillig hinwill.
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