Nachtschicht mit dem Wahnsinn: Warum meine produktivsten Stunden auch meine gefährlichsten sind

Nachtschicht mit dem Wahnsinn: Warum meine produktivsten Stunden auch meine gefährlichsten sind

Kurz vor Mitternacht, endlich Abkühlung, ein Balkon, ein Laptop – und ein Charakter, der gerade dabei ist, sein gesamtes Leben zu verlieren. Willkommen in meiner Komfortzone.

Sommer, kurz vor Mitternacht. Die Hitze hat kapituliert, vorerst. Der Balkon gehört mir – und dem Skript. Kein Ton außer den Grillen, die ihre eigene Endlosschleife komponieren, unbeirrt, seit Stunden schon, und dem Wind, der geheimnisvoll durch die Baumkronen raschelt, als hätte er auch noch etwas beizutragen zur Handlung.

Und dazwischen, ganz unauffällig: der Wahnsinn. Er breitet sich aus wie die Sporen eines invasiven Pilzes, der sich anschickt, die Weltherrschaft an sich zu reißen – lautlos, effizient, unaufhaltsam. Mein Held, der beileibe keiner ist, verliert in diesem Moment alles, was er sich je gewünscht hat: Ruhe. Sicherheit. Halt. Die Aussichten für ihn? Mau. Wir leben schließlich in einem Universum, dem wir herzlich egal sind.

Kennst du das? Diesen Moment, in dem du eigentlich nur eine Szene zu Ende schreiben wolltest – und plötzlich merkst, dass die Figur gerade eine Entscheidung trifft, die du selbst nicht kommen gesehen hast?

Warum die Nacht die ehrlichste Kollegin ist

Tagsüber lüge ich mir gerne etwas vor. Tagsüber ist Schreiben ein Projekt mit Meilensteinen, eine Kalenderzeile, eine To-do-Liste, auf der „Kapitel 14 überarbeiten" genauso unschuldig aussieht wie „Zahnarzttermin verschieben". Nachts fällt diese Tarnung weg. Nachts sitzt du da, die Grillen als einziges Publikum, und merkst: Du schreibst nicht über den Weltuntergang. Du bist mittendrin.

Das ist der eigentliche Grund, warum meine Ansgar-Chroniken bei Nacht entstanden sind und nicht am Schreibtisch um 10 Uhr morgens mit Kaffee und guten Vorsätzen. Quantenmechanik und Klimakollaps – die großen Themen der Trilogie – lassen sich schlecht bei Tageslicht verhandeln. Sie brauchen den wolkenverhangenen Sternenhimmel und die Stille, in der man selbst kurz daran glaubt, dass die Physik einem etwas Persönliches mitteilen will.

Und dann ist da die Hitze. Dieser Sommer will einfach nicht nachgeben, und ich habe längst aufgehört, mich dagegen zu wehren. Stattdessen lasse ich sie in die Handlung einsickern – ein Planet, der kollabiert, fühlt sich in einer Nacht wie dieser erschreckend plausibel an. Man muss sich die Apokalypse nicht ausdenken, wenn der Balkonboden noch um Mitternacht Wärme abstrahlt wie eine schlecht gelaunte Herdplatte.

Die Sache mit der Kontrolle, die man nicht hat

Mein Held – nennen wir ihn vorerst einfach „der, der gerade alles verliert" – wollte eigentlich nur seine Ruhe. Wollte Sicherheit. Wollte, dass die Dinge halten, an die er sich klammert. Klassischer Fehler. Wer in einem Buch von mir nach Halt sucht, hat die Ausschreibung offensichtlich nicht gelesen. Bei „Der Wahnsinn schreibt immer mit" steht ziemlich klein im Kleingedruckten: Sicherheit ist nicht im Lieferumfang enthalten.

Das Tückische daran: Ich plane das nicht immer. Ich setze eine Figur in eine Situation, gebe ihr ein Ziel – und dann schreibt sich der Rest, weil das Universum in meinen Büchern (wie im echten) keine besonders kooperative Grundhaltung einnimmt. Man kann Wochen an einem Plot-Outline feilen und trotzdem an einem schwülen Dienstagabend feststellen, dass die Handlung sich selbstständig gemacht hat.

Ist das Kontrollverlust oder der eigentliche Sinn des Schreibens? Ich habe da noch keine endgültige Antwort – aber ich vermute, es ist beides gleichzeitig, und genau das macht es so unwiderstehlich.

Wenn die Grillen die einzigen sind, die zuhören

Es gibt diese Theorie, dass man als Autor nachts ehrlicher schreibt, weil niemand zusieht. Ich glaube eher: Man schreibt nachts riskanter, weil niemand einen aufhält. Am Tag würde ich die Szene vielleicht abmildern, dem Helden eine kleine Atempause gönnen, bevor ich ihm endgültig den Boden unter den Füßen wegziehe. Nachts, mit Grillen als moralischer Instanz, lasse ich es einfach passieren.

Das Ergebnis: Kapitel, die ich am nächsten Morgen mit einer Mischung aus Stolz und leichtem Erschrecken lese. War das wirklich ich, der das geschrieben hat? Nun ja. Der Wahnsinn schreibt eben immer mit – ich liefere nur die Tastatur.

Verlierst du auch manchmal die Kontrolle über etwas, das du eigentlich im Griff zu haben glaubtest – beim Schreiben, im Job, im Leben? Erzähl's mir, ich sammle Material.

Nächstes Mal nehme ich dich mit hinein in die Frage, warum ausgerechnet Quantenmechanik die ehrlichste Metapher für menschliche Beziehungen ist – und warum Physiker das vermutlich anders sehen als ich.

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