Auf Exkursion in die Leichenhalle – wie man Orte beschreibt, die man (noch) nicht gesehen hat (und auch nicht zwingend sehen möchte)

Auf Exkursion in die Leichenhalle – wie man Orte beschreibt, die man (noch) nicht gesehen hat (und auch nicht zwingend sehen möchte)
Manche Orte muss man nicht wirklich besucht haben. Für Romane kann es dennoch hilfreich sein.

Ich habe schon die Gänge des Pentagon beschrieben und den Zeremonienraum eines Volkes, das keine Fotos davon duldet. Jetzt wird's noch mal eine Spur morbider: eine Leichenhalle, in der ich noch nie stand – und trotzdem so tun muss, als kenne ich jede Fliese. Wie schreibt man Orte, die einem verschlossen bleiben, ob aus Pietät, Sicherheitsstufe oder schlicht, weil sie längst verlassen sind? Willkommen zu einer Recherche-Beichte in drei Stationen.

Den Friedhof, den ich in meinem kommenden Buch beschreibe, gibt es. Vermutlich. Irgendwo zwischen Oberbayern und meiner Fantasie – die Grenze verläuft dort erstaunlich unscharf. Efeu über bröckelndem Sandstein, ein Kirchenschiff, das schon vor hundert Jahren müde aussah, ein Mesnerhaus mit blinden Fensterscheiben. Und dann: die Leichenhalle. Klein, kalt, mit einer Tür, die – so viel darf ich verraten – in meinem Roman nicht das letzte Geheimnis birgt – vermutlich aber das größte.

Ob ich drinstand oder mir nur draußen an den erblindeten Scheiben die Nase plattgedrückt habe, verrate ich an dieser Stelle nicht – und ehrlich gesagt: bis zum Schluss auch nicht. Nur so viel: Manche Türen öffnet man besser nur auf dem Papier.

Was ich verrate: Jeder Begriff in dieser Szene musste sitzen. Nicht ungefähr richtig. Richtig richtig.

Eine Leichenhalle ist, entgegen der landläufigen Friedhofsromantik, kein einzelner düsterer Raum mit einer einsamen Bahre und viel Kerzenlicht. Sie ist ein kleines, streng organisiertes Gebäude mit eigener Logistik – und genau das macht sie für einen Autor so tückisch. Man kann sich nicht einfach eine Tür ausdenken und dahinter irgendwas Gruseliges platzieren. Es gibt Abläufe. Es gibt Zuständigkeiten. Es gibt, man ahnt es kaum, sogar ein Lüftungskonzept.

Ich habe mir also – nennen wir es diplomatisch „auf Umwegen" – einen Grundriss zusammengetragen, der so sauber gegliedert war, dass ich ihn fast selbst hätte zeichnen können. Acht Räume, fein säuberlich nummeriert, als hätte ein besonders pedantischer Bestatter persönlich Regie geführt: der überdachte Eingangsbereich, diskret genug für Angehörige und Bestattungsunternehmen gleichermaßen. Der Aufbahrungs- und Verabschiedungsraum, das Herzstück – Rednerpult, Bestuhlung, gedimmtes Licht. Dahinter, meist unsichtbar für Trauernde: die Kühlzelle, null bis vier Grad, reine Funktion, keine Poesie. Ein Vorbereitungsraum, ein Technikraum, ein Angehörigenraum zum Durchatmen, dazu die Wege dazwischen – Zufahrt, Entladerampe, ein abgeschirmter Zugang zur Kühlzelle, getrennt vom Weg der Angehörigen. Zwei Choreografien im selben Gebäude, die sich nie kreuzen dürfen.

Und hier kommt der Punkt, an dem die Recherche selbst zur Fußnote wird: Ein sauberes Bild vom Aufbau ist die halbe Miete – aber eben nur die halbe. Die andere Hälfte ist keine Frage der Fakten, sondern der Verschmelzung. Ort und Handlung dürfen sich nicht wie zwei nachträglich zusammengeklebte Puzzleteile anfühlen, sie müssen eine organische Einheit bilden. Kennt ihr das Gefühl, wenn ein Roman einen Ort beschreibt, der zwar korrekt, aber seltsam leblos wirkt? Genau da liegt der Unterschied.

Und genau da wird die digitale Distanz zur Krux: Ein Foto, und sei es noch so hochauflösend, liefert Fakten. Vor Ort zu stehen liefert etwas anderes – Gerüche, das Wetter an diesem einen Tag, die Art, wie das Licht durch ein bestimmtes Fenster fällt, das Drumherum, den Moment. Genau dieses Bündel entzieht sich jeder Bildschirmrecherche.

Die eigentliche Pointe dabei: Das Ziel ist gar nicht, den Ort möglichst originalgetreu abzubilden. Das Ziel ist, im Kopf der Leserin, des Lesers, den Ort entstehen zu lassen, an dem mein Roman spielt – und der ist, bei aller Recherche, am Ende doch ein anderer als der reale. Eine Leichenhalle in Oberbayern wird zur Leichenhalle in meinem Buch. Das ist kein Kompromiss. Das ist die eigentliche Arbeit.

Zwei Vorgänger-Fälle, an denen ich diese Lektion schon teuer bezahlt habe: Für TOKPELA musste ich die Korridore des Pentagon beschreiben – dunkle Eichenvertäfelung, gesprenkelter Marmorboden, endlose Wände voller Militärfotos und Wappen. Das Kuriose dabei: Bildmaterial dazu gibt es zwar, aber gefühlt wird es von Jahr zu Jahr weniger, als würde das Internet selbst diskreter werden. Dazu kam die Feinarbeit an den Fahrt- und Flugrouten zwischen DARPA-Hauptquartier, Flughafen, Weißem Haus und Potomac – Details, bei denen ein einziger falscher Abzweig die ganze Illusion zum Einsturz bringt.

Für Schafskälte war es Walpi, das steinerne Hopi-Pueblo auf einer Mesa in Arizona, thronend wie ein Adlerhorst über der Landschaft, mehrstöckige Steinbauten, verbunden mit Holzleitern. Die eigentliche Herausforderung aber war die Kiva, der heilige Zeremonienraum, buchstäblich in den Erdboden hineingebaut – dazu existieren praktisch keine Fotos, aus gutem Grund. Tagelange Recherche für ein paar Absätze. Mein Fazit, damals wie heute: Je unausgetretener der Pfad im Roman, desto zäher die Informationsbeschaffung. Und ja, ich weiß, was die Findigen unter euch jetzt einwerfen: Mit KI findet man doch alles, was im Internet steht! Stimmt. Wenn es im Internet steht. Wenn nicht, dann eben nicht.

Jetzt wollt ihr natürlich wissen, was auf diesem Friedhof und in dieser Leichenhalle eigentlich passiert, wenn ich mir schon die Mühe mache, jede Fliese korrekt zu recherchieren. Verständlich. Und glaubt mir, es würde mir ein diebisches Vergnügen bereiten, es euch zu verraten.

Werde ich aber nicht. Nur so viel: Der Friedhof liegt verlassen, wie so viele auf dem Land, wo die Menschen in der Zukunft längst weggezogen sind – aber leer ist er trotzdem nicht. Drei Lebensformen finden dorthin, unterschiedlicher könnten sie kaum sein, und jede folgt ihrer eigenen Spur. Und dann, irgendwann, mitten in dieser höchst ungewöhnlichen Zusammenkunft, taucht eine vierte Gestalt auf. Kutte, Kapuze, eine baumelnde Laterne in der Hand.

Ob sie die illustre Runde noch toppen kann? Das, liebe Leserschaft, müsst ihr im Buch nachlesen.

Und die erblindeten Fensterscheiben? Die haben und werden ihre Geheimnisse schön für sich behalten. So wie ich.

Apropos Orte: Nächstes Mal wird's ungefährlicher, versprochen. Ich nehme euch mit an die Schreibtische, Parkbänke und Küchentische, an denen meine Bücher tatsächlich entstehen – und gehe der Frage nach, ob ein Autor eher Frühaufsteher, Nachteule oder chaotisches Chronoflexibel-Wesen sein sollte. Streng getaktet oder wild drauflos, wie's gerade passt? Mal sehen, was sich bewährt hat – und was gescheitert ist.

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