Der beste Ratschlag für deine schlimmsten Feinde: Schreib ein Buch!
Es gibt Ratschläge, die man nur Menschen gibt, die man wirklich mag. Und es gibt diesen hier. Eine ehrliche Bestandsaufnahme über Höhen, Tiefen und die Frage, ob man Newcomern überhaupt zumuten darf, ein Buch zu schreiben.
Jedes Jahr fasst sich eine erschreckende Anzahl Menschen den guten Vorsatz, endlich ihr eigenes Buch zu schreiben – gleich neben mehr Sport und weniger meckern. Bevor du dich in diese stolze Reihe einträgst, lass uns kurz ehrlich sein.
Die drei einzigen Gründe, heute noch ein Buch zu schreiben:
- Du gehörst zu den 5 %, die davon leben können.
- Du hast gerade weder etwas anderes noch Besseres zu tun.
- Du hast geerbt oder sonst keine Sorgen.
- Du bist schmerztolerant und leidensfähig ohne Ende.
- Es muss einfach raus.
(Ja, ich kann nicht zählen. Und Deutsch war laut meiner Lehrerin auch nie meine Stärke.)
1. Die 5-%-Realität
Fangen wir mit der Ernüchterung an: Laut Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller können gerade einmal 5,7 Prozent aller (etablierten) Autorinnen und Autoren in Deutschland ausschließlich vom Schreiben leben. Fünf Komma sieben – das ist nicht die statistische Unschärfe, das ist die gesamte Erfolgsquote – erhoben im Jahr 2023, also irgendwo noch vor der großen KI-Welle.
Und Self-Publishing rettet dich nicht: Die aufs Jahr summierten Tantiemen aus den Online-Verkäufen reichen kaum für einen Städtetrip, und damit meine ich nicht Tokio, sondern eine Stadt auf dem eigenen Kontinent, Rückfahrticket im Billig-Fernbus.
Mir fallen also mühelos 1001 Ideen ein, mit denen man schneller mehr Geld verdient als mit einem Buch. Kein Märchen. Nur Punkt eins unserer Liste.
Kennst du eigentlich noch andere Berufe mit so erbärmlicher Erfolgsquote, in die trotzdem ständig Leute mit leuchtenden Augen einsteigen?
2. Nichts Besseres zu tun? Träum weiter.
Klar, mal eben was schreiben geht schnell – ein Tweet, eine Rede, mit KI sogar blitzschnell. Aber ein Roman ist kein Sprint, sondern ein Marathon ohne sichtbare Ziellinie. Nebenbei geht das nicht. Außer du hast fünf Jahre Geduld und einen Kalender, der nur aus freien Wochenenden besteht.
Ich habe alle meine Bücher neben meinem Hauptberuf geschrieben. Klingt nach einer hübschen Zeile für die Bio. Tatsächlich heißt es: drei Jahre Freizeit, Wochenenden, Nächte und tiefen Schlaf geopfert. Ein paar Freundschaften sind dabei sanft eingeschlafen. Vom Familienleben schweige ich lieber ganz.
Wer noch glaubt, Schreiben sei ein entspanntes Hobby für verregnete Nachmittage, hat noch nie um 23 Uhr mit blutunterlaufenen Augen vor einem Plot-Loch gesessen, das einfach nicht zugehen will.
Was opferst du eigentlich gerade für dein Projekt – und ist es dir das wert?
3. Erbschaft oder Bestseller – eine Frage der Buchhaltung
Erinnerst du dich an die 5,7 Prozent? Hier der Treppenwitz dazu: Die meisten Autorinnen und Autoren machen mit ihren Büchern nicht einfach wenig Geld – sie machen Miese. Denn ein Buch zu veröffentlichen, und vor allem zu bewerben, kostet. Und zwar nicht wenig.
Da wäre das Coverdesign (selbst gemacht, sieht's meistens aus wie eine Hausaufgabe aus dem Kunstunterricht und KI-generiert erkennt mittlerweile jeder), das Lektorat (nein, die Rechtschreibprüfung in Word reicht nicht), der Buchsatz (eine eigene Wissenschaft für sich), der Druck, das Marketing, Werbekampagnen, vielleicht noch das Einsprechen als Hörbuch, ein Messestand. Am Ende nähern sich die Ausgaben für ein einziges Buchprojekt nicht selten dem fünfstelligen Bereich. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die sich das bewusst geleistet haben – aber nur, weil sie mit einem anderen Job gut verdient haben.
Um das jemals wieder einzuspielen, brauchst du fast einen Bestseller. Oder eben: eine Erbschaft. Plötzlich klingt Punkt drei unserer Liste gar nicht mehr zynisch, sondern wie eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit.
Wer von euch hat sein Buchprojekt eigentlich mal ehrlich durchgerechnet – Einnahmen gegen Ausgaben? Ich warne vor der Steuererklärung, da wird es – wenn du alles erfasst – offenbar: Das ist nichts für schwache Nerven.
4. Schmerztoleranz: Das eigentliche "Einstellungskriterium"
Starten wir kurz mit Rezensionen, obwohl das Thema einen eigenen Beitrag verdient hätte: Über Spitzenrezis freut man sich natürlich wie Bolle. Die bekommt man auch von seinen Fans. Die meisten Leser, auch begeisterte, schreiben keine. Ist ein bisschen aus der Mode gekommen, weil man da Zeit investieren muss, die heute keiner mehr hat.
Dafür gibt's die anderen: die, die dich literarisch zerlegen – ganz ausführlich und mit viel Zeit. Oder ein, zwei Sterne, ganz kommentarlos, wie ein ungelöstes Rätsel. Damit musst du leben.
Und trotzdem: Rezensionen sind die härteste Währung im Buchbusiness. Ohne Bewertungen keine Käufer, ohne Käufer keine Sichtbarkeit. Ein Teufelskreis mit Sternchen. Und wenn die 5-Sterne-Rezis dann auch noch regelmäßig verschwinden, wird's komplett verrückt – mehr zu diesem Mysterium in meinem vor kurzem auf Instagram verfassten Beitrag, der viel Resonanz erfahren hat.
Ansonsten ist Schreiben ein ständiges Schritt-vor-zwei-zurück, vergleichbar mit stundenlangem Kochen mit den edelsten Zutaten, nur damit am Ende weder dir noch den Gästen schmeckt, was auf dem Tisch steht. Ein Taumel zwischen Hoffen und Bangen, mit gelegentlichen Anfällen handfesten Zweifels, ob das Manuskript nicht doch eher in die Tonne gehört als in den Druck.
Ein Jahr lang fühlst du dich wie ein Geheimagent mit einer Mission von höchster Wichtigkeit – für deine Leser, deine Fans, dich selbst. Und an dem Tag, an dem die Mission erfüllt ist, stellst du fest: Es interessiert niemanden.
Und falls du dabei zufällig nicht im Trend liegst – Dark Romance, Usedom-Krimi, die nächste Ratgeberkiste –, hast du sowieso schon verloren. Wer gegen den Massengeschmack anschreibt, sollte ehrlich gesagt lieber Lotto spielen. Oder erben. Wir hatten das ja schon.
Welches Gefühl kennst du besser – das der Geheimagentenmission, die niemand würdigt, oder das verkochte Festtagsmenü, das keiner essen will?
5. Es muss einfach raus
Wer bis hierher durchgehalten hat und auf Erlösung wartet: Hier kommt sie. Punkt fünf ist der Grund, warum sich trotz allem noch Menschen ins Tal der Tränen aufmachen – für mich der einzige, der heute noch wirklich zählt. Ich mach's plastisch. Ähnlichkeiten mit mir selbst sind rein zufällig.
Stell dir vor, dir geht etwas im Kopf herum. Schwammig zuerst, kaum greifbar, aber unaufhörlich. Dann wird der Gedanke klar, fast kristallin. Eine Idee. Vielleicht nur eine Szene – aber so plastisch, als würdest du im Kino sitzen, auf riesiger Leinwand, und genüsslich zusehen. Sie ist genial, denkst du. Noch nie da gewesen. Das macht dich stolz, gibt dir Energie.
Was war davor, was kommt danach? Welcher Charakter, welche Gefühle? Du merkst: Die Idee trägt. Dein Hirn läuft auf Hochtouren, spinnt weiter, im wahrsten Sinne des Wortes. Eine erste Ideenwelt entsteht – ungenau noch, aber mit Verknüpfungen, Verästelungen. Verschiedene Perspektiven sogar! Jetzt fieberst du, die Ideen sprudeln, fast zu viel des Guten. Du musst sie zähmen, in eine Reihenfolge bringen, die spannend ist, nicht zu viel verrät und trotzdem logisch bleibt.
Und dann: Es funktioniert. ES FUNKTIONIERT! Dein Hirn wird von Glückshormonen überschwemmt. Drei Worte formen sich, klar wie nie: Es muss raus.
Die Geschichte muss erzählt werden – ganz egal, ob sie ein Erfolg wird. Wenn sie andere nicht mitreißt wie dich, wirst du fluchen, in ein Loch fallen. Aber mindestens einem wird sie gefallen. Und würdest du sie nicht schreiben, würde sich diese eine Person bis ans Ende aller Tage grämen: du selbst.
Und dann gibt es sie ja auch, die erfüllenden Glücksmomente, die für alles entschädigen, was du erdulden musstest. Stell dir vor, du sitzt im Büro, gehst deinem Hauptjob nach, plötzlich steht jemand in der Türschwelle, ein Arbeitskollege, du kennst ihn vom Sehen, seinen Namen, aber eigentlich hast du nicht viel mit ihm zu tun und ihr habt noch nie groß miteinander geredet. Dann schaut er dich an, sagt "Hallo", nimmt seinen Rucksack von der Schulter und kramt – Achtung – was heraus? Genau, dein Buch! Und dann kommt's: "Würdest du mir eine Widmung reinschreiben?" Zwei Minuten später erfährst du in allen Details, wie genial er deinen Roman gefunden hat. Nicht ausgedacht, selbst erlebt. Schön. Einfach nur schön.
Ein Buch schreiben, heute, im KI-Zeitalter, in dem andere mit ein paar Prompts unter immer neuen Pseudonymen täglich ganze Buchreihen auf Plattformen pumpen, macht man nicht, um davon zu leben oder weil es so spaßig ist. Man macht es – zumindest bei mir – für sich selbst. Für den Seelenfrieden. Damit diese ewig im Kopf herumspukende Idee endlich aufhört zu nerven.
Und das ist die eigentliche Wahrheit: Manche Ideen lassen sich nicht abschütteln, egal wie sehr man es versucht. Und so manche Idee hat allen Unkenrufen zum Trotz die Welt verändert. Neulich sah ich ein Bild von Elon Musk aus dem Jahr 2008, kurz nach dem dritten gescheiterten Start seiner Falcon-1-Rakete, kauernd zwischen den Trümmern, das Unternehmen kurz vor der Pleite. Er hätte aufgeben können. Hat er nicht. Weil er ein Getriebener war.
Ideen und Träume sind die größten Triebfedern, die wir Menschen haben. Sie versorgen uns mit Energie und Durchhaltevermögen, treiben uns an – und lassen uns leiden wie einen Hund, wenn es nicht klappt. Der Marsch durch alle Höhen und Tiefen verlangt viel ab. Aber er fühlt sich lebendig an. Und genau das macht uns zu dem, was wir sind: kreative Menschen mit Visionen, Träumen und Gefühlen.
Soll ich dir also raten, ein Buch zu schreiben? Ehrlich gesagt: nein. Aber wenn dich die Idee ohnehin nicht in Ruhe lässt, und du Schreibtalent besitzt, hast du ohnehin keine Wahl. Und dann, herzlich willkommen im Club: jetzt brauchst du keine Feinde mehr, sondern Durchhaltevermögen und starke Nerven – denn du hast dein Buchprojekt.
Was euch in den nächsten Beiträgen erwartet: weitere Einblicke in die Höhen und Tiefen des Autorenlebens, Blicke hinter die Kulissen meiner Schreibwerkstatt, die ewige Gretchenfrage Self-Publishing vs. Verlag – aber genauso Geschichten über das Skurrile, Seltsame und Rätselhafte, das uns in diesem Leben und im Universum sonst noch begegnet. Ein bisschen Philosophie schwingt dabei immer mit. Und ja, irgendwann wird wohl auch die Frage auftauchen, ob ich selbst nochmal verrückt genug bin, ein Buch zu schreiben. Die Antwort gibt's exklusiv hier.
Der Wahnsinn schreibt immer mit. Abonniere meinen Blog, bevor er ohne dich weiterschreibt.