10 Bücher, die mich geformt haben — und bei der Hitzewelle ein eiskalter Lesetipp sind.
Es sind gefühlte 42 Grad im Haus, und ich stehe vor meinem Bücherregal wie ein Tourist vor dem Louvre: überwältigt, leicht schwitzend, und mit dem dumpfen Verdacht, dass ich unmöglich alles richtig machen kann.
Zehn Bücher soll ich nennen. Zehn. Dabei hätte ich auch zehn andere nennen können. Und nochmal zehn. Die Science-Fiction und phantastische Literatur ist kein Genre — sie ist ein Kontinent. Und ich habe gerade mal einen Bruchteil davon bereist.
Aber vor dem Regal stehend, in dieser Hitze, mit dem Finger wandernd über Rücken und Titel — sind es am Ende diese hier geworden. Keine perfekte Liste. Meine Liste.
Dan Simmons – Die Hyperion-Gesänge (+ Endymion-Dilogie)
Vier Bände, ein Epos, kein Vergleich.
Dan Simmons hat mit dem Hyperion-Cantos etwas geschaffen, das in der Science-Fiction seinesgleichen sucht. Der erste Band erschien 1989, gewann den Hugo Award und legte den Grundstein für eines der ambitioniertesten Weltgebäude der Genregeschichte. Simmons verwob Chaucer'sche Erzählstruktur mit harter Science-Fiction, philosophischer Tiefe und einer Kreatur — dem Shrike — die sich ins Gedächtnis brennt wie ein Dornenkreuz in die Netzhaut. Figuren, denen man folgt. Antagonisten, die man versteht — und trotzdem fürchtet. Über alle vier Bände mitgefiebert, als wäre ich dabei gewesen. Bis heute sind mir eindringliche Szenen bestens im Kopf.
Wer sonst noch den Hyperion-Cantos als unangefochten bestes Science-Fiction-Epos seiner persönlichen Leseliste führt — ich bin gespannt, ob wir uns einig sind.
Sergej Snegow – Menschen wie Götter
Was Simmons auf amerikanischer Seite erschaffen hat, erschuf Snegow auf sowjetischer — und das ist kein zufälliger zweiter Platz.
Snegow schrieb seine vierbändige Raumoper zwischen den 1960er und 1990er Jahren, in einer Zeit, in der Science-Fiction in der Sowjetunion ein Ventil war: für Utopien, die das System nicht erlaubte, und für Menschenbilder, die weit über den Tellerrand des Kalten Krieges hinausreichten. In der westlichen Wahrnehmung bis heute sträflich unterschätzt — dabei steht Snegow den großen amerikanischen Epen in Ambition und Schöpfungskraft in nichts nach.
Der Kontrast zu Simmons ist dabei das Faszinierendste: ein sozialistisch geprägtes Menschenbild, eine andere Vorstellung von Zukunft, Kollektiv und Fortschritt — und dennoch dieselbe epische Sogwirkung über vier Bände hinweg. Nicht besser, nicht schlechter. Anders. Und gerade deshalb unverzichtbar.
Wer kennt Snegow — und wer hat ihn womöglich genau wegen dieses Kontrasts zu den amerikanischen Klassikern entdeckt?
Vernor Vinge – Ein Feuer auf der Tiefe (+ Eine Tiefe am Himmel)
Vernor Vinge war Mathematiker und Informatiker — und man merkt es. Nicht weil seine Romane trocken wären, sondern weil sie erschreckend präzise sind. Ein Feuer auf der Tiefe erschien 1992, gewann den Hugo Award, und stellte eine Frage, die die Science-Fiction bis dahin so nicht gestellt hatte: Was, wenn die Gesetze der Physik — und damit die Grenzen der Intelligenz — vom Ort im Universum abhängen? Das Zonenmodell der Milchstraße, das Vinge entwirft, ist eine der originellsten kosmologischen Ideen des Genres.
Dazu: technologische Entwicklungen, die sich im Rückblick fast hellseherisch anfühlen, aber nie nerdig wirken — weil Vinge sie konsequent in den Dienst der Handlung stellt. Und dann sind da noch die Charaktere: auf menschlicher wie nicht-menschlicher Seite liebenswert, glaubwürdig, unvergesslich.
Die Fortsetzung Eine Tiefe am Himmel ist eigenständig und abgeschlossen — und in Fankreisen wurde heiß diskutiert, mit welchem Band man beginnen sollte. Die Antwort, wundersamerweise: egal. Beide Einstiege funktionieren. Das allein ist schon eine kleine literarische Leistung.
Mit welchem der beiden habt ihr angefangen — und würdet ihr es im Nachhinein anders machen?
Ben Bova – Mars (+ Das Große Tour-Universum)
Ben Bova hat sich vorgenommen, was andere für unmöglich hielten: eine ganze Reise durch unser Sonnensystem — Planet für Planet, Roman für Roman. Das Grand Tour-Universum umfasst über zwanzig Bände und ist eines der ambitioniertesten Hard-Science-Fiction-Projekte der Literaturgeschichte. Bova, langjähriger Chefredakteur des Analog Science Fiction Magazine und mehrfacher Hugo-Preisträger, verstand sein Handwerk — und vor allem: seine Physik.
Mars, erschienen 1992 und lange vor Andy Weirs Der Marsianer, stellt eine Frage, die einfacher klingt als sie ist: War der Mars jemals bewohnt? Bova lässt die Antwort nicht als Beiwerk fallen — er baut die gesamte Spannung des Romans darauf auf. Wissenschaft als Krimi. Und das funktioniert.
Nicht ganz auf Simmons- oder Vinge-Niveau — das wäre unfair zu behaupten — aber ein Lesevergnügen, das hängen bleibt. Und das, wie man in den Ansgar-Chroniken unschwer erahnen kann, seine Spuren hinterlassen hat.
Wer kennt Bovas Grand Tour — und wer hat sich bis wohin vorgewagt?
Stanislaw Lem – Fiasko
Stanislaw Lem kennen viele dem Namen nach — spätestens seit Solaris, das durch Tarkovskis Verfilmung Weltruhm erlangte. Fiasko, erschienen 1986 und Lems letzter großer Science-Fiction-Roman, ist dagegen das etwas stillere Meisterwerk im Schatten des berühmteren Bruders. Zu Unrecht.
Die Grundidee ist so simpel wie erschütternd: Eine Menschheit, die endlich Kontakt zu einer außerirdischen Zivilisation aufnimmt — und dabei so gründlich scheitert, dass es in einer Katastrophe endet. Lem stellt keine Frage nach dem Bösen. Er stellt eine viel unbequemere: Was, wenn wir schlicht nicht in der Lage sind, das Fremde zu verstehen — und das Fremde uns ebenso wenig? Vor dem Hintergrund, dass wir Menschen es bis heute nicht einmal untereinander schaffen, auszukommen, hat Fiasko nichts von seiner Aktualität verloren. Eher im Gegenteil.
Persönliche Anmerkung: Ich habe Fiasko bis halb drei Uhr morgens gelesen — weil ich es schlicht nicht aus der Hand legen konnte. Das Buch hallte noch lange nach.
Und noch eine kleine Randnotiz: Lem soll Fiasko als Auftragsarbeit geschrieben und sich anschließend dafür geschämt haben. Lieber Stanislaw, falls du irgendwo zuhörst: Fiasko ist wunderbar. Wunderbar traurig — und du bist und bleibst ein Meister der Phantastik.
Wer kennt Fiasko — und welche Romande Lems würdet Ihr auf platz 1 setzen?
Jeff VanderMeer – Auslöschung (+ Southern Reach Trilogie)
Etwas jünger als die bisherigen Klassiker — und trotzdem, oder gerade deswegen, ein Ausreißer in jede Richtung.
Auslöschung erschien 2014, gewann den Nebula Award, und VanderMeer schrieb alle drei Bände der Southern Reach Trilogie in einem einzigen kreativen Rausch — angeblich in wenigen Wochen. Man glaubt es ihm. Das Buch liest sich wie ein Fiebertraum: eine namenlose Biologin, eine Zone namens Area X, die sich verändert, wuchert, Menschen verschluckt und zurückspuckt — aber nicht mehr dieselben. Kein erklärendes Nachwort, keine befriedigende Auflösung. Nur Atmosphäre, die sich wie Schimmel unter die Haut arbeitet.
Wer beim Lesen wiederholt denkt: Wer so etwas schreibt, muss irgendwelche bewusstseinsverändernden Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen — damit ist man in bester Gesellschaft. Teil 2 fordert Geduld, mitunter zu viel davon. Teil 3 entschädigt. Alex Garlands Verfilmung versucht das Besondere einzufangen — und scheitert letztlich daran, dass manche Atmosphären schlicht nicht ins Kino passen. Area X gehört auf die Seite, nicht auf die Leinwand.
Wer hat sich durch alle drei Bände gekämpft — und war Teil 2 auch für Euch die härteste Nuss?
Arthur C. Clarke – Rendezvous mit Rama (+ Rama-Serie)
Arthur C. Clarke braucht keine lange Vorstellung — 2001: Odyssee im Weltraum allein hätte für ein Lebenswerk gereicht. Aber Rendezvous mit Rama, erschienen 1973 und prompt mit Hugo und Nebula Award ausgezeichnet, ist Clarke von einer anderen, faszinierenderen Seite: weniger philosophisch, mehr Entdeckergeist pur.
Die Prämisse ist denkbar schlicht und dabei unwiderstehlich: Ein riesiges, zylindrisches Objekt durchquert unser Sonnensystem. Die Menschheit schickt ein Schiff hinterher. Was sie vorfindet, ist — eine Welt. Stumm, rätselhaft, vollkommen gleichgültig gegenüber ihren Entdeckern. Clarke braucht keine Monster, keine Invasion. Das Fremde selbst ist Spannung genug.
Drei weitere Bände folgten, teils mit Gentry Lee als Co-Autor — die Serie erinnert heute in ihrer Reise-durch-das-Unbekannte-Struktur stark an Bovas Grand Tour. Solider Begleiter, nicht die oberste Liga. Und ja: Es gab tatsächlich ein interaktives PC-Adventure im Stil von Myst — für alle, die die Nächte damals lieber rätselnd als schlafend verbracht haben.
Wer hat Rama als Jugendlicher entdeckt — und wer erinnert sich noch an das Adventure-Spiel?
Orson Scott Card – Sprecher für die Toten (+ Ender-Zyklus)
Hier eine Beichte vorweg: Enders Spiel, der erste Band und der bekannteste, hat mich interessanterweise am wenigsten gepackt. Was folgt, ist dafür umso grandioser.
Sprecher für die Toten erschien 1986, gewann — wie sein Vorgänger — sowohl Hugo als auch Nebula Award, eine Doppelleistung, die in der Genregeschichte kaum jemand wiederholt hat. Aber der Preis ist das Mindeste. Card gelingt hier etwas, das nur den Besten gelingt: Er baut ein Szenario auf, das wissenschaftlich, philosophisch und emotional gleichzeitig funktioniert. Ender, gefallener Held aus Teil eins, verzweifelt darum bemüht, wiedergutzumachen, was er vernichtet hat — eine Figur zerrissen zwischen Schuld, Größe und dem verzweifelten Versuch, das Fremde wirklich zu verstehen. Die Beschreibung fremder Spezies, die Psychologie der Figuren, die innere Zerrissenheit: Card hat es einfach drauf.
Xenozid und Enders Kinder stehen dem in nichts nach. Wer den Zyklus abbricht, verpasst das Beste.
Und wer Cards Werk nur über Enders Spiel kennt, verpasst noch mehr: Der Spender-Planet, Meistersänger, Heißer Schlaf, Die Stadt am Ende der Welt — bei uns fast unbekannt, dabei längst Empfehlungen wert. Die Verfilmung von Enders Spiel hingegen? Eine der größten Enttäuschungen. Manche Bücher gehören einfach nicht auf die Leinwand.
Wer hat den Zyklus über den ersten Band hinaus gelesen — und war Sprecher für die Toten auch für Euch der eigentliche Höhepunkt?
Karsten Kruschel – VILM – Der Regenplanet (+ Trilogie)
Endlich — ein deutscher Autor. Und was für einer.
Karsten Kruschel ist in der deutschen Science-Fiction-Szene kein Unbekannter: VILM – Der Regenplanet wurde mit dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet, und wer das Buch kennt, versteht sofort warum. Kruschel baut Welten mit einer Sorgfalt und Originalität, die internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht — und trotzdem ist er außerhalb der Genre-Community viel zu wenig bekannt. Ein Versäumnis, das ich hiermit öffentlich anprangere.
Die Prämisse: Auf einem Planeten, auf dem es unaufhörlich regnet, stürzt ein riesiges Raumschiff aus unbekannten Gründen ab. Es beginnt, sich selbst zu reparieren. Und die Kinder, die an Bord waren, fangen an, im Regen ihr eigenes Süppchen zu kochen. Was daraus entsteht, ist eine Welt von solcher atmosphärischer Dichte, dass man sich noch Jahre später an die ersten Sätze erinnert — aus denen die besondere Stimmung förmlich herausschrie. Oder sollte ich sagen: heraustropfte?
Alle drei Bände uneingeschränkt empfohlen. Ebenso Galdäa – Der ewige Krieg. Dass danach nichts mehr nachkam, ist schlicht schade. Karsten, ich ziehe noch immer meinen Hut.
Und mein offizieller Lesetipp für die aktuelle Hitzewelle? VILM. Regen, bitte-bitte komm.
Wer kennt Kruschel — und wer entdeckt ihn gerade zum ersten Mal?
Arkadi und Boris Strugatzki – Ein Käfer im Ameisenhaufen (+ Maxim-Kammerer-Trilogie)
Der zehnte Platz ist dem russischen Brüderpaar gegenüber schlicht ungerecht — das sei gleich vorweggesagt. Viele ihrer Bücher gehören auf das absolute Siegertreppchen. Das bekannteste dürfte Picknick am Wegesrand sein, das Tarkowski mit Stalker filmisch umzusetzen versuchte — ein großer Film, keine Frage, aber auch ein Beleg dafür, wie schwer die Strugatzkis zu verfilmen sind. Hätte Steven Spielberg sich lieber diesen Stoff vorgenommen als die Handlung von Disclosure Day — aber das ist eine andere Geschichte.
Zurück zum Buch. Ein Käfer im Ameisenhaufen ist Teil der losen Maxim-Kammerer-Trilogie, deren drei Bände unabhängig voneinander funktionieren — dieser aber sticht klar hervor. Die Frage, die das Buch stellt, ist so einfach wie sie unheimlich ist: Was, wenn Menschen unter uns leben, die anders sind? Von einer außerirdischen Zivilisation für irgendetwas vorgesehen — Schläfer, die irgendwann aktiviert werden, um einen Auftrag zu erfüllen?
Was die Strugatzkis dabei auszeichnet, ist das genaue Gegenteil von dem, was man heute unter Spannung versteht: keine Explosionen, kein Tempo, kein lautes Auftrumpfen. Stattdessen diese leise, fiese, unergründliche Grundspannung — Suspense im reinsten Sinne. Die Sprache ist nicht mehr jedem Leser zugänglich, das stimmt. Aber die Atmosphäre, die diese beiden Brüder erzeugen, wird heute nur noch selten erreicht.
Wer kennt die Strugatzkis — und wer hat Picknick am Wegesrand gelesen und danach verstanden, warum Stalker ein Kultfilm wurde?
Zehn Bücher. Zehn Welten. Und das Gefühl, dass ich genauso gut zehn andere hätte wählen können — und nochmal zehn. Science-Fiction und phantastische Literatur ist kein Genre, sie ist ein Lebenswerk. Und ich bin froh, dass mich das Regal an diesem schwitzenden Tag ausgerechnet zu diesen hier geführt hat.
Was sie alle verbindet? Sie haben mich nicht losgelassen. Nicht beim Lesen, nicht danach. Szenen, Figuren, Fragen — manches hallt noch heute nach, wenn ich selbst am Schreiben bin und merke, dass irgendjemand aus dieser Liste gerade unsichtbar über meine Schulter schaut.
Welches dieser zehn Bücher kennt ihr — und welches landet auf Eurer persönlichen Top-10? Und vor allem: Was fehlt hier, das unbedingt hätte draufstehen müssen? Schreibt es in die Kommentare. Ich bin gespannt — und nehme keine Verantwortung für die Bücherstapel, die daraus entstehen.
Das nächste Mal geht es übrigens um etwas, das mich als Autor mindestens genauso beschäftigt wie gute Bücher: die Frage, warum Quantenmechanik und das Ende der Welt so verdammt gut zusammenpassen — und was das mit den Ansgar-Chroniken zu tun hat.
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